Kommentar zur Angebotsvorlage Breitbandausbau

Im Rahmen der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses wurde eine Bewertung der vorliegenden Angebote zum Breitbandausbau in Villmar durch Herrn Berthold Passlack, Seniorberater der tim GmbH (Breitbandberatung Hessen) vorgelegt.  Ich bin über die Auswertung des Beraters schlichtweg schockiert. Die Auswertung ist m. E. einseitig, falsch gewichtet und berücksichtigt wesentliche Aspekte nicht.

  1. Gewichtung A-DSL(asymmetrisch) vs S-DSL (symmetrisch):
    Ich gehe davon aus, dass mindestens 95% der Anschlussinhaber in Villmar ADSL benötigen. Dies ist sowohl für Privathaushalte als auch für übliche Geschäftskunden der Anschluß der Wahl. S-DSL wird nur dann benötigt, wenn der Anschlußinhaber selbst als Datenlieferant größere Mengen Daten bereitstellt (Z.B. Betreiber von Downloadservern). Mir fällt spontan kein Unternehmen ein, dass dies unbedingt bräuchte.
    In der Punkteauswertung werden jedoch insgesamt maximal (19+21) = 40 Punkte für A-DSL vergeben und (33+36) = 69 Punkte für S-DSL. Die Gewichtung in der Auswertung geht also hier massiv an den Bedürfnissen Villmars vorbei.
  2. Technologie:
    OR-Networks liefert eine reine Funkversorgung. Auch die Hybridlösung stellt aus Nutzersicht eine reine Funklösung dar. Dies kann bei unglücklicher baulicher Lage der Empfangseinrichtung auf Nutzerseite eine schwankende Signalqualität bedeuten. Dies kann ggf. Zusatzinvestitionen auf Kundenseite erfordern (Außenantenne, Zusatzverkabelung zur Antenne)
    Auch Witterungseinflüsse können zu einer schwankenden Signalqualität und somit Bandbreite führen.
    Bei Funktechnologie teilen sich zudem alle Nutzer die zur Verfügung stehende Bandbreite. Sofern sehr viele Villmarer Bürger das Angebot gleichzeitig nutzen, steht möglicherweise nicht mehr die volle Bandbreite zur Verfügung.
  3. Investitionssicherheit (Technologie):
    Die notwendigen Investitionen für die Funklösung sind zwar niedriger als bei der Kabellösung (DSL). Diese Investitionen beziehen sich größtenteils auf die spezifische Funktechnik. Bei einer zukünftigen technologischen Erweiterung wären die Investitionen in die Funktechnik größtenteils verloren. Wird die Hybridlösung gewählt, so sind zumindest die Investitionen in die Verkabelung voraussichtlich auch bei technologischer Weiterentwicklung wieder verwendbar.
  4. Investitionssicherheit (Anbieter):
    Einer der drei Anbieter hat während der Auswahlphase Insolvenz angemeldet. Dies macht deutlich, dass die finanzielle Stabilität des Anbieters auch ein Auswahlkriterium sein muss. Ich vermisse im Angebotsvergleich eine Aussage hierzu. Ich empfehle, zumindest bei den einschlägigen Auskunfteien (Schufa, Creditreform, Bürgel, Schimmelpfeng) Auskünfte über die OR-Networks einzuholen. Im Falle der (zukünftigen) Insolvenz des Anbieters wären sämtliche Investitionen verloren! Diese Gefahr besteht bei der Telekom sicherlich nicht.
  5. Monopolsituation vs. Wettbewerb:
    Die Telekom ist einer starken Regulierung durch die Bundesnetzagentur unterworfen. Diese gilt für den relativ kleinen Anbieter OR Networks nicht. Somit hat der Kunde im Falle der Telekom-Lösung die Option, nach Vertragsablauf zu anderen Anbietern zu wechseln, die dieselbe neu geschaffene Infrastruktur nutzen können, jedoch ggf. günstigere Vertragskonditionen anbieten.
    Im Falle OR-Networks besteht diese Möglichkeit nicht, da die Funktechnik sicherlich nicht von anderen Providern genutzt werden kann. Der Kunde ist somit faktisch dauerhaft an OR Networks gebunden, da keine Alternativtechnologie zur Verfügung steht, die von Wettbewerbern genutzt werden könnte. OR Networks kann somit nach Vertragsablauf die Preise diktieren.
  6. Fördersituation:
    Unter Punkt 5 schreibt Herr Passlack, dass die Telekomlösung voraussichtlich nicht gefördert würde. Eine Begründung liefert er hierfür jedoch nicht. Diese Frage ist sicherlich noch gründlicher zu beleuchten.
  7. Fazit:
    Ich bevorzuge klar die Telekom-Lösung, da diese weitaus zukunftssicherer ist und langfristig mehr Flexibilität bietet. Auch aus Wettbewerbsgesichtspunkten ermöglicht diese Option langfristig günstigere Preise.

Andreas Günther
Dipl.-Kfm., IT- Unternehmensberater

2 Kommentare zu „Kommentar zur Angebotsvorlage Breitbandausbau“

  • Hallo Andreas,

    Deine Bewertung ist sehr subjektiv. Ich gehöre z.B. zu den aus Deiner Sicht ‚Privatleute‘ die dennoch dringend S-DSL benötigen.

    Zu 2: Es muß eine Lösung für VIllmar her. Ob Funk oder Kabel ist letztendlich egal. Wichtig ist das wir endlich eine Lösung finden. Rein technisch bin ich bei Dir und würde Kabel auch bevorzugen.

    zu 7: Technisch gebe ich Dir wieder Recht. Aber jede Lösung die bald verfügbar ist ist besser als Wunschdenken. Sonst wird es nicht nur für Firmenansiedlungen in Villmar noch düsterer – auch Privatleute stehen vor der Entscheidung wegen fehlender Internetanbindung Villmar zu verlassen.

    Michael M. Reiter